Relevanz: Innovation Development | Cognitive Leadership | Workspace Design | Future Skills

Ambidextrous Thinking 

 von PD Dr. Julia Burbulla 

Executive Summary 

In einer Arbeitswelt, in der Künstliche Intelligenz zunehmend lineare Aufgaben übernimmt, wird die Fähigkeit zum sogenannten Ambidextrous Thinking – dem bewussten Wechsel zwischen analytischem und intuitivem Denken – zu einem entscheidenden Wettbewerbsvorteil. 

Das an der Stanford University entwickelte Konzept des "beidseitigen Denkens" gewinnt heute neue strategische Bedeutung: Führungskräfte, die flexibel zwischen unterschiedlichen Denkmodi wechseln, treffen fundiertere Entscheidungen, lösen komplexe Probleme schneller – und stärken damit die Resilienz ihrer Institution oder Organisation.

Aktuelle Studien zeigen: Diese Denkweise lässt sich gezielt entwickeln – etwa durch kognitive Trainings, durch eine Raumgestaltung, die unterschiedliche Denkprozesse unterstützt, und durch eine Unternehmenskultur, die Vielfalt im Denken nicht nur erlaubt, sondern gezielt nutzt.

Die Stanford-Wurzeln – Als Innovation kognitiv gedacht wurde

Bereits in den 1970er-Jahren legten Forscher an der Stanford University den Grundstein für ein heute hochaktuelles Konzept: Ambidextrous Thinking – die Fähigkeit, bewusst zwischen unterschiedlichen Denkmodi zu wechseln.

Robert McKim, Professor für visuelles Denken, zeigte in seinem Werk Experiences in Visual Thinking (1972): Innovation entsteht nicht aus Methoden – sondern durch das gezielte Training mentaler Flexibilität. Sein Kollege Rolf Faste griff diesen Ansatz auf und überführte ihn 1988 in die Designausbildung an Stanford. Er entwickelte ein systematisches Trainingsmodell zur Förderung kognitiver Beweglichkeit und brachte es auf den Punkt:

„Ambidextrous heißt: den ganzen Körper und beide Gehirnhälften in den Denkprozess einbeziehen.“


Heute ist dieser Ansatz aktueller denn je. Institutionen und Organisationen müssen in dynamischen Umfeldern schnell zwischen Analyse und Intuition, zwischen Daten und Kontext, zwischen Kontrolle und Kreativität wechseln können. Ambidextrous Thinking bietet dafür nicht nur ein Denkmodell – sondern auch eine konkrete Trainingslogik für die Praxis.

Was die Hirnforschung heute weiß

Spitzenleistungen im Denken entstehen nicht durch Fokus allein – sondern durch den gezielten Wechsel zwischen unterschiedlichen kognitiven Zuständen. Das Modell von Nobelpreisträger Daniel Kahneman unterscheidet zwei grundlegende Denkmodi:

  • System 1: schnell, intuitiv, bildhaft
  • System 2: langsam, bewusst, analytisch


Neuere Studien mit funktioneller Magnetresonanztomografie (fMRT) zeigen: Kreatives Denken entsteht im Zusammenspiel zweier Hirnnetzwerke –

  • dem Default Mode Network (zuständig für freies, assoziatives Denken)
  • und dem Executive Control Network (zuständig für Konzentration und Planung).


Erfolgreiche Innovatoren und Innovatorinnen nutzen beide Systeme – und wechseln gezielt zwischen ihnen. Genau diese bewusste Steuerung ist es, was Ambidextrous Thinking ausmacht. Für Unternehmen und Organisationen heißt das: Kognitive Flexibilität ist keine fixe Eigenschaft – sondern eine Ressource, die sich entwickeln, trainieren und strategisch einsetzen lässt.

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Zwei Denkmodi – und wie sie Innovation prägen 

Ambidextrous Thinking beruht auf der Fähigkeit, gezielt zwischen zwei grundlegend unterschiedlichen Denkweisen zu wechseln. Beide sind unverzichtbar – und folgen eigenen Regeln: 

Analytischer Modus 
Symbolisch · Logisch · Schrittweise
Distanziert · Objektiv · Linear
Spezialisiert · Sequentiell · Deduktiv


Dieser Modus ermöglicht präzise Analysen, fundierte Entscheidungen und kontrollierte Umsetzung. 


Intuitiv-integrativer Modus 

Visuell · Ganzheitlich · Emotional
Gleichzeitig · Verbindend · Nicht-linear
Mustererkennend · Erfahrungsbasiert · Induktiv


Hier entstehen neue Perspektiven, unerwartete Verbindungen – und disruptive Ideen. 


Wichtig: Die beiden Modi schließen sich nicht aus. Sie ergänzen sich. Innovation entsteht genau dann, wenn Organisationen bzw. Institutionen Strukturen schaffen, die den Wechsel zwischen diesen Denkstilen ermöglichen – gezielt, bewusst und trainierbar.

Eine Arbeitskultur, die sich ausschließlich auf analytisches Denken stützt, erreicht operative Exzellenz – bleibt aber oft im Bestehenden verhaftet. Umgekehrt führt rein intuitives Vorgehen zu kreativen Ideen, denen jedoch häufig Richtung und Tiefe fehlen. Ambidextrous Thinking bringt beides zusammen: Es schafft eine Denkweise, die Klarheit und Struktur mit Offenheit und Innovationskraft verbindet – und Unternehmen wie Organisationen so zugleich präziser und mutiger macht.

Wie Raum "Denken" steuert – und Innovation beschleunigt 

Raum ist kein dekoratives Beiwerk der Kreativität. Er ist ein aktives Steuerungselement für kognitive Prozesse – und damit ein unterschätzter Schlüssel für Innovation. 

Die moderne Kognitionsforschung zeigt klar: Wie wir denken, hängt entscheidend davon ab, wo und unter welchen räumlichen Bedingungen wir denken. Architektur beeinflusst nicht nur das Verhalten – sondern auch die Art und Qualität unseres Denkens. 

Räume übernehmen dabei verschiedene Funktionen: 

  • Kognitive Erweiterung: Räume strukturieren und speichern Gedanken. Sie wirken wie ein externes Gedächtnis – von Leonardos Werkstatt bis zu Googles Innovationslabs.
  • Denkmodus-Aktivierung: Rückzugsorte fördern konzentriertes, analytisches Denken (System 2). Offene Bereiche und Bewegungsflächen unterstützen spontanes, assoziatives Denken (System 1).
  • Stimulus: Raum wirkt als kognitiver Impulsgeber – er kann Ideen anstoßen, Denkprozesse beschleunigen oder hemmen.


Auch der Körper denkt mit: Bewegung im Raum verändert unsere Aufmerksamkeit – und erleichtert den Wechsel zwischen fokussiertem und kreativem Denken. 


Raumgestaltung ist also weit mehr als eine Frage des Designs. Sie ist ein strategisches Instrument – zur gezielten Förderung von Denkleistung, Innovationsfähigkeit und kollektiver Intelligenz. 

Was jetzt zu tun ist

Ambidextrous Thinking ist keine Kreativitätstechnik – sondern eine zukunftsentscheidende Führungsressource. Wer sie gezielt entwickelt, stärkt die Denkfähigkeit seiner Organisation für komplexe Märkte, digitale Transformation und echte Innovation. Drei zentrale Hebel unterstützen den Aufbau dieser Kompetenz: 

  1. Kognitive Tiefe fördern: Beidseitiges Denken entsteht dort, wo Raum für Reflexion, Perspektivwechsel und der Umgang mit Widersprüchen besteht. Es geht nicht um mehr Methoden – sondern um tiefere Denkfähigkeit.
  2. Räume strategisch gestalten: Arbeitsumgebungen steuern Denkprozesse. Führung kann gezielt Einfluss nehmen – durch Räume, die sowohl Fokussierung als auch kreatives Denken aktivieren.
  3. Denkvielfalt kultivieren: Organisationen, die kognitive Flexibilität über Silos, Rollen und Fachgrenzen hinweg fördern, entwickeln eine neue Resilienz – und stärken ihre Fähigkeit zur Adaption und Erneuerung.


Fazit: In einer Welt, in der KI lineares Denken automatisiert, wird menschliche Integrationsfähigkeit zum entscheidenden Vorsprung. Ambidextrous Thinking ist kein optionales Extra – sondern eine bewusste Führungsentscheidung.

Quellen

  • Burbulla, J. (2022). The Innovator's Brain: Warum heute Architektur und Design zu radikalen Innovationen führen. Schwabe Verlag.
  • Doorley, S., & Witthoft, S. (2012). Make space: How to set the stage for creative collaboration. John Wiley & Sons.
  • Faste, R. A. (1994). Ambidextrous Thinking. Innovations in Mechanical Engineering Curricula for the 1990s. American Society of Mechanical Engineers.
  • Ferguson, E. S. (1977). The mind's eye: Nonverbal thought in technology. Science, 197(4306), 827-836.
  • Kahneman, D. (2011). Thinking, fast and slow. Farrar, Straus and Giroux.
  • Kristensen, T. (2004). The Physical Context of Creativity. Creativity and Innovation Management, 13(2), 89-96.
  • McKim, R. H. (1972). Experiences in visual thinking. Brooks/Cole Publishing Company.
  • Tversky, B. (2019). Mind in motion: How action shapes thought. Basic Books.